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Neue Wege in der Unterstützung junger Kuratoren in Frankreich und Deutschland

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Journal

Ausstellungen in Paris, die man Herbst/Winter nicht verpassen sollte

Stephanie Weber hat am vom Institut français veranstalteten FOCUS-Kuratorenprogramm teilgenommen, bei dem sie neben die FIAC 2017 in Paris auch die Biennale von Lyon besuchte. Hier sind Ihre Tipps.

© Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

© Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Als Studentin verkörperte Paris für mich die Kunst des 19. Jahrhunderts (und natürlich fabelhafte Cafés und Rotwein), wo man die Werke Henry de Toulouse Lautrecs, Edouard Manets oder Gustave Courbets sehen konnte. Heute zieht es mich, wenn ich dort bin, auch noch zum Musée d’Orsay oder in das Musée Gustave Moreau, doch inzwischen gibt es in Paris einen wahren Wust an sehenswerten Orten für zeitgenössische Kunst und Kreation.

Das Focus Programm des Institut français (ein internationales Kuratorenprogramm, an dem ich in diesem Jahr teilgenommen habe) hat uns an viele Orte gebracht, die ich immer schon hatte besuchen wollen und zusätzlich zu unserem straffen Tagesprogramm gab es abends noch viel mehr zu sehen.

 

Le Bal, Clément Cogitore

© Clément Cogitore / ADAGP, Paris 2017

© Clément Cogitore / ADAGP, Paris 2017

Der Geheimtipp, der keiner sein sollte: Das Programm des 2010 von Raymond Depardon und Diane Dufour gegründeten Kunstzentrums fußt auf einem erweiterten zeitgenössischen Fotografie- und Bildbegriff. Le Bals Devise „Das Bild als Dokument zeitgenössischer Realität“ steht auch für eine politische Dimension des hier Verhandelten.

Die (wahre) Geschichte, die Clément Cogitore in seiner Ausstellung Braguino ou La communauté impossible (Braguino oder Die unmögliche Gemeinschaft) erzählt, erinnert an Shakespeares Tragödien. Der Konflikt, der zwischen zwei Familien schwelt, die sich in der Einsamkeit der russischen Taiga, ausrechnet gleich nebeneinander niedergelassenen haben, ist so absurd wie beredt. In Zeiten, in denen rechtspopulistische Parteien in Europa an den Fundamenten unseres Zusammenlebens rütteln wollen, alarmieren die so sensiblen Aufnahmen in Cogitores Film, der hier als raumfüllende Installation gezeigt wird.

 

Le Musée de la Chasse et de la Nature, Sophie Calle mit Serena Carone

© Musée de la Chasse et de la Nature - Serena Carone / ADAGP -, Foto: Béatrice Hatala

© Musée de la Chasse et de la Nature – Serena Carone / ADAGP -, Foto: Béatrice Hatala

Das 1967 eröffnete Museum für Jagd und Natur ist skurril: bevölkert von Hunderten präparierten Tierkörpern, die so eindrucksvoll von der Schönheit der Tiere wie vom Trophäenhunger des Menschen zeugen. Jedes noch so kleine Detail des Gebäudes ist liebevoll gestaltet – von den Türklinken über die skulpturalen Treppengeländern zu den Auslagen in den Vitrinenschränken.

Sophie Calle, an deren Werk ich mich, so dachte ich, sattgesehen hatte, hat hier gemeinsam mit der von ihr eingeladenen Serena Carone, eine einzigartige Ausstellung hingelegt. Dass Calle genau diesen Ort gewählt hat, um (unter anderem) eine Werkreihe zum Tod ihres Vaters zu zeigen, ist an und für sich schon bemerkenswert. Der riesige Oberkörper einer präparierten Giraffe, der abrupt und brutal in einem Stumpf endet, wirkt wie ein Echo der Gewalt des persönlichen Verlusts, den die Künstlerin thematisiert. Die humorvollen, zärtlichen bis bösartigen Eingriffe Calles und Carones ziehen sich durch die ständige Sammlung des Museums und sind derart mit ihr verwoben, dass man sie fast zu übersehen droht. Bescheiden und überwältigend zugleich.

Abbaye de Maubuisson, Hicham Berrada

© ADAGP Hicham Berrada, Courtesy der Künstler, kamel mennour, Paris/London, Wentrup, Berlin und CulturesInterface, Casablanca, Foto : Catherine Brossais - CDVO -

© ADAGP Hicham Berrada, Courtesy der Künstler, kamel mennour, Paris/London, Wentrup, Berlin und CulturesInterface, Casablanca, Foto: Catherine Brossais – CDVO -

Wer das Zisterzienserinnenkloster Abbaye de Maubuisson außerhalb von Paris noch nicht kennt, muss unbedingt hinfahren. Es ist ohne Frage einer der schönsten Kunstorte, den man sich vorstellen kann. Vom ursprünglichen Klosterkomplex, der im 13. Jahrhundert von Blanka von Kastilien begründet wurde, ist, nach Jahrhunderten, in denen die Anlage unter anderem als Steinbruch diente, nur noch ein (wunderschönes) Gebäude übrig geblieben. Dort ist momentan Hicham Berradas Ausstellung 74803 jours (74803 Tage) zu sehen. Für den Salle des religieuses, dem zentralen Raum des Ausstellungsgebäudes, konzipierte Hicham Berrada eine einfühlsame Videoarbeit, die das durch die Buntfenster in den Saal fallende Licht geradezu als übersinnliche Präsenz erscheinen lässt. Ihren Titel verdankt die Ausstellung einer weiteren Arbeit Berradas: die 74803 Tage bezeichnen den Zeitraum, den die in einem Aquarium ausgestellten Bronzeskulptur unter normalen klimatischen Umständen gebraucht hätten, um so stark zu ‘altern’, wie sie in den sechs Monaten der Ausstellung tun werden. Es lohnt sich also mehrfach ins Abbaye zu fahren, um die Verwandlung der Objekte zu beobachten.

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Stephanie Weber

Stephanie Weber ist Kuratorin für Gegenwartskunst am Lenbachhaus in München. Sie studierte Kunstgeschichte, Romanische Philologie und Kulturwissenschaften in Münster und Bordeaux sowie Museumskunde an der École du Louvre in Paris. 2015 erhielt sie für die Retrospektive von Lea Lublin und den begleitenden Katalog den Justus Bier Preis für Kuratoren.

Diane Turquety @documenta 14

Die Kuratorin Diane Turquety im Gespräch mit Nina d’Hostel über ihre Arbeit bei der documenta 14 im Rahmen des Jeunes Commissaires-Programms

Diane Turquety bei der Arbeit

Diane Turquety bei der Arbeit

Diane Turquety wirkte bei der documenta 14 an der Umsetzung des Projektes  marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer von Rainer Oldendorf mit.

Es ist schwer, sich eine Vorstellung von dieser Installation/Ausstellung im Polytechnion Athen zu machen, wenn man sie selbst nicht gesehen hat. Sie sprechen von der Präsentation einer „Reihe von Elementen zur Vorbereitung des Films ‚marco14‘“. Worum handelt es sich dabei? Waren diese Elemente der rote Faden im Film oder eine Inspirationsquelle für den Dreh und die Realisierung von „marco14“?

In dieser Installation/Ausstellung waren Fotografien, Publikationen, Möbel und Filme zu sehen, die alle mehr oder weniger mit den drei Themen des Werktitels marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer zu tun haben: frühere Werke des Künstlers, neu präsentiert, oder Reproduktionen von Dokumenten aus den Archiven der CIAM. Die Ausstellung war also eine Art Präsentation der Bausteine für den Film marco14. Der Begriff der Kontinuität ist in den Arbeiten von Rainer Oldendorf sehr präsent. Der Künstler entwickelt sein pikareskes Film-Porträt marco seit 1995; hier vorgestellt wurde die 13. Episode. Ferner wurde eine Auswahl von Briefen präsentiert, die in Vorbereitung auf den vierten Internationalen Kongress für Moderne Architektur (CIAM) verfasst wurden, der 1933 auf einer Schifffahrt von Marseille nach Athen stattgefunden hatte; ebenfalls zu sehen war der bei dieser Gelegenheit von László Moholy-Nagy gedrehte Film und einige Nachbildungen von Schildern zu der im Zusammenhang mit dem Kongress präsentierten Ausstellung, die auch im Gebäude des Polytechnion stattgefunden hatte. All diese Elemente bildeten in gewisser Weise die Kulisse für die Episode marco14, die dann zwei Monate später gedreht wurde.

Rainer Oldendorf, marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer,  Film von László Moholy-Nagy, Installationsansicht, Polytechnion, documenta 14, Athen 2017

Rainer Oldendorf, marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer, Film von László Moholy-Nagy, Installationsansicht, Polytechnion, documenta 14, Athen 2017

Die Kreuzfahrt fand Mitte Mai statt. Worum ging es bei dieser interdisziplinären Begegnung, die dem Internationalen Kongress für Moderne Architektur wieder neues Leben eingehaucht hatte? Betrachten Sie dieses Seminar als eine Hommage an Le Corbusier und an die Charta von Athen, oder als eine moderne Neuinterpretation dieses Austauschs, wurde der Film von László Moholy-Nagy über den CIAM 4 von 1933 doch von Rainer Oldendorf verbreitet und analysiert? 

Rainer Oldendorf, marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer,  Film von László Moholy-Nagy, Installationsansicht, Polytechnion, documenta 14, Athen 2017

Rainer Oldendorf, marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer, Film von László Moholy-Nagy, Installationsansicht, Polytechnion, documenta 14, Athen 2017

Die Reise bot vor allem den Rahmen für das Zusammenspiel mehrerer Situationen: ein Seminar, ein Filmdreh und die Begegnung zwischen Studierenden, Schauspieler_innen und Referent_innen, deren Rolle nicht vorbestimmt bzw. festgelegt war. Bei der ausgewählten Strecke ging es darum, in Anlehnung an den CIAM 4 bzw. an dessen Protagonisten wie Erben drei Länder und damit drei Architekturerfahrungen miteinander zu verknüpfen. Ebenso wichtig war dem Künstler dabei die Dimension Seminar und Filmdreh in seiner künstlerischen Konzeption. Es handelt sich in der Tat um eine Art Neuinterpretation des Austauschs damals bei dem Kongress, vor dem Zweiten Weltkrieg, als die Leseart von moderner Architektur, wie Le Corbusier sie in der Charta von Athen vorlegte, in den einschlägigen Kreisen noch nicht den Vorstellungen aller entsprach. Denn bei diesem Kongress gab es noch sehr unterschiedliche Trends und Interpretationen von Modernität in der Architektur, zuweilen auch gegenläufig zu Le Corbusier.

Welche Fragen und Themen wurden angesprochen?

Es gab Präsentationen zu Teilnehmern des CIAM 4 wie Marie Reidemeister und László Moholy-Nagy, zu Paul Friedrich Posenenske, dem Architekten der Kunsthochschule Kassel, zur Königlichen Saline in Arc-et-Senans oder zu dem Essay von Hans Blumenberg „Schiffbruch mit Zuschauer“. Die Vorträge beleuchteten die Hauptthemen von Oldendorfs Arbeit wie die architektonischen Aspekte – moderne, neoklassische oder landestypische Elemente – auf den einzelnen Etappen der Reise.

Können Sie ein paar Worte zur Wahl des Titels „Schiffbruch mit Zuschauer” sagen?

Das ist der Titel eines Essays von Hans Blumenberg, das Ende der 1970er-Jahre erschienen ist und zu den Bettlektüren von Rainer Oldendorf gehört. Dieses ebenso faszinierende wie schwerfällige Essay untersucht die unterschiedlichen Verwendungen der Schiffbruch-Metaphorik, von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Der Text wurde in der Ausstellung/Installation in der deutschen Originalfassung, in englischer, griechischer und französischer Übersetzung präsentiert.

Polytechnion, Athen

Polytechnion, Athen

Welche Rolle haben Sie in diesem kinematografischen, pädagogischen und künstlerischen Projekt gespielt? Und welche Erfahrungen konnten Sie daraus ziehen?  

Meine Aufgabe war es, gemeinsam mit dem Team in Athen die beiden Ausstellungen im Polytechnion zu realisieren und das einwöchige Seminar mit Filmdreh zu organisieren. Das war also in erster Linie eine Produktionsarbeit, in einem sehr knappen Zeitrahmen. Es ging darum, zu antizipieren und den Aufbau der Ausstellungen bzw. den Ablauf der Schifffahrt logistisch so gut wie möglich zu planen – technische Ausstattung und Material, genauer Ablauf der Drehwoche, Reservierungen usw. Und dies in Abstimmung mit den fünf Partnerhochschulen, die in jede der Etappen eingebunden waren. Ich habe natürlich sehr eng mit Rainer Oldendorf zusammengearbeitet, war seine wichtigste Stütze vor Ort.

Rainer Oldendorf, marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer, Installationsansicht, Polytechnion, documenta 14, Athen 2017, Foto: Angelos Giotopoulos

Rainer Oldendorf, marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer, Installationsansicht, Polytechnion, documenta 14, Athen 2017, Foto: Angelos Giotopoulos

Es war eine sehr intensive und fordernde Erfahrung in einem außergewöhnlichen Arbeitskontext, in Athen, wo die documenta zum ersten Mal neben Kassel ausgerichtet wurde. Eine tolle Gelegenheit, mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft zusammenzuarbeiten und -treffen und an dieser in gewisser Weise fast schon epischen Reise von Athen nach Kassel teilzunehmen, die in vieler Hinsicht sehr bereichernd war. Wir freuen uns sehr, dass das Bureau des arts plastiques / Institut français Deutschland dieses Projekt unterstützt hat.

Berlin Art Week vom 13. bis zum 17. September 2017

Empfehlungen von Valérie Chartrain, freie Kuratorin in Berlin

Nadira Husain, Milky Way, Tempera auf Ikat-Stoff, 204 × 138 cm, Courtesy die Künstlerin

Nadira Husain, Milky Way, Tempera auf Ikat-Stoff, 204 × 138 cm, Courtesy die Künstlerin

Ich gebe zu, ich freue mich über die alljährliche Wiederkehr der Berlin Art Week, die nun bereits in ihr sechstes Jahr geht. Es gibt nur wenig andere europäische Hauptstädte, die sich so intensiv den diversen künstlerischen Richtungen – Tanz, Musik, Theater usw. – widmet. Die Berlin Art Week steht eine Woche lang für eine Stadt im Rhythmus der zeitgenössischen Kunst. Dieses Jahr macht die traditionelle Messe abc, neben Positions, der neuen Art Berlin Platz. Und dieses neue Berlin zieht mich sogar noch mehr an.

Eine Stadt, in der Ausstellungen gleichzeitig in Galerien und Institutionen eröffnen – und das Magische an Berlin ist die Unmenge an Ausstellungen von Künstler*innen unterschiedlichster Herkunft, die jedoch alle die Tatsache vereint, dass sie Berlin zu ihrem Lebensmittelpunkt, zum Ort ihrer Arbeit und Produktion auserwählt haben. So auch Monica Bonvicini in der Berlinischen Galerie, die seit einigen Jahren neu erwacht und sich auch immer stärker ortsansässigen Künstler_innen öffnet. Vor einigen Monaten war dies John Bock und in ein paar Tagen nun wird es Bonvicini sein. In Konfrontation mit modernistischer Architektur untersuchen ihre Arbeiten die Machtsysteme und sozialen Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Klasse. Im Hauptraum der Berlinischen Galerie fokussiert Bonvicini mit ihrer Installation den Begriff der Fassade und ihrer Funktion. In den KW (Institute for Contemporary Art) wird eine Auswahl an Arbeiten der letzten zwanzig Jahre von Willem de Rooij gezeigt, die um ethische wie politische Konsequenzen der Massenmedien kreisen.

Willem de Rooij, Bouquet VI, 2010, Courtesy Collection Stedelijk Museum, Amsterdam

Willem de Rooij, Bouquet VI, 2010, Courtesy Collection Stedelijk Museum, Amsterdam

Der n.b.k. (Neuer Berliner Kunstverein) präsentiert das „Ready Made-Künstler“-Duo Claire Fontaine, denen es um die Dekonstruktion der Sprache des Kapitalismus und anderer Machtstrukturen geht. Kurzum, drei Positionen, die versprechen, unsere Sichtweisen auf die Welt umzustürzen. Und damit bleibt Berlin Ursprung eines kritischen Denkens, während viele andere Städte im Dienste eines Marktes agieren, der keine Unbestimmtheiten zulässt.

Auch in den Galerien gibt es eine Vielzahl an begeisterungsfähigen Ausstellungen wie beispielsweise die von Jean Pascal Flavien in der Galerie Esther Schipper. Der französische Künstler, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, konstruiert innerhalb der Galerie ein Haus, im Maßstab 1:1. Da die Decke zu niedrig ist, muss das Haus beschnitten werden. Das zweigeteilte Haus, verbunden durch ein Scharnier, wurde dabei vom Universum des Autors Ballard inspiriert. Über Fensteröffnungen können die Besucher*innen jene Landschaft beobachten, die zwischen Sand und Steinen in die Galerie überführt wurde.

Jean-Pascal Flavien, Ballardian House, 2017, Courtesy der Künstler

Jean-Pascal Flavien, Ballardian House, 2017, Courtesy der Künstler

Nicht sehr weit von der Potsdamerstraße entfernt wird Nadira Husain die neuen Räumlichkeiten der PSM Gallery einweihen, thematisieren und aus ihnen zwischen fliegenden Holzpferden und lebhafter Malerei einen Ort der Farben und verwunderlichen Kindheitserinnerungen schaffen.

Weiter im Osten zeigt die Galerie Mehdi Chouakri, auch in ihren neuen Räumlichkeiten, die Show Goods von Saâdane Afif, ein weiterer Franko-Berliner. Hier liegt der Schwerpunkt auf limitierten Editionen des Künstlers: von seiner seltenen Postkartensammlung Fountain 2017 über einige Poster bis hin zur Premiere in der Zusammenarbeit mit der Münchner Juwelierin Saskia Diez.

Saâdane Afif, Goods, Ausstellungsansicht Galerie Mehdi Chouakri, Berlin, Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin

Saâdane Afif, Goods, Ausstellungsansicht Galerie Mehdi Chouakri, Berlin, Courtesy Galerie Mehdi Chouakri, Berlin

Am anderen Ende der Stadt wird Simon Starling unter anderem mit einer neuen Arbeit, deren Inspiration er aus Quellen in Japan schöpft, bei neugerriemschneider gezeigt. Jede in der Ausstellung Stitched, Stretched, Cut, Carved etc. gezeigte Arbeit wirkt dabei wie individuellen Handwerkern gewidmete Porträts.

Die deutsche, in Paris lebende Künstlerin Katinka Bock trägt bei Meyer Riegger ihr Universum zwischen Fragilität und Stärke und die eigentliche Frage nach Materialität und Skulptur bei. Eine Ausstellung, die mir äußerst sehenswert erscheint, möchte ich abschließend nicht unerwähnt lassen: Es handelt sich um die Auftaktveranstaltung einer Serie, die die Galerie Chert Lüdde den Archiven der Mail Art von Ruth Wolf Rehfeldt und Robert Rehfeldt widmet, ein Berliner Künstlerpaar, das vor dem Mauerfall in Prenzlauer Berg gearbeitet hat. Der Auftakt beschränkt sich auf den Buchstaben A und umfasst eine alphabetische Liste von Künstler_innen, die in diese Kategorie fallen. Abgesehen von einer Auswahl an gerahmten Arbeiten  an der Wand werden alle Materialien auf Präsentationstischen den Besucher_innen zugänglich sein. Ich freue mich schon darauf, sie zu erkunden.

Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldts Mail Art Archiv, Artwords & Bookworks, USA 1978, Courtesy die Künstlerin und ChertLüdde, Berlin

Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldts Mail Art Archiv, Artwords & Bookworks, USA 1978, Courtesy die Künstlerin und ChertLüdde, Berlin

Und ich hoffe, es bleibt dann auch noch Zeit für das Festival of Future Nows, das Olafur Eliasson im Hamburger Bahnhof veranstaltet: Drei Tage lang Begegnungen, Performances und Gespräche darüber, wie man das Morgen denken könnte.

Das Berlin im Jahre 2017 hat nur mehr wenig mit dem unruhigen und jugendlichen Berlin der 90er nach dem Mauerfall zu tun, wenn auch weiterhin Mythen und Phantasmen präsent sind und florieren. Die Stadt ist erwachsen geworden. Sie denkt anders, ohne Nostalgie. Und das steht ihr gut. Kurz und gut, das alles macht Lust, den August für den fulminanten und aufregenden September aufzugeben, der uns auch zu denken geben wird…

Valérie Chartrain ist – neben Trendforscherin, Analytikerin, kreativer Strategin und Wein- und Spirituosenxpertin – freie Kuratorin und Mitbegründerin von Petunia, einer feministischen, spartenübereifenden Zeitschrift für Kunst und Kultur. Petunia wurde 2007 von Lili Reynaud, Dorothée Dupuis und Valérie Chartrain gegründet und hinterfragt seither Stereotypen.

 

Fünf Ausstellungstipps in Paris diese Sommer

Die Empfehlungen von Lynhan Balatbat, Kuratorin in SAVVY Contemporary Berlin

Lynhan Balatbat

Allen voran sei erwähnt, dass sechs Tage in einer Metropole wie Paris nicht annähernd Zeit genug sind, um einen umfassenden Einblick in die vielfältige und vielschichtige Kunst- und Kulturszene zu erlangen. Im Rahmen des dichten Programms der FOCUS bildenden Kunst Woche von Institut français (Einladung von internationalen Kuratoren) wurden sehr spannende und zukunftsweisende Projekte präsentiert. Hier eine kurze Zusammenfassung meiner persönlichen Favoriten:

La Colonie (128 rue Lafayette, 75010 Paris)

La Colonie © Sandra Nicolle

Kader Attias neu eröffneter Raum im 10ten Pariser Bezirk ist ein interdisziplinärer Ort des Zusammenkommens. In dem großzügig gestalteten Gebäude erstrecken sich über mehrere Etagen ein geräumiger Innenhof, einige Bars, ein Raucherraum und verschiedene/zahlreiche Ausstellungsräume. Dieser Ort des Zusammentreffens, des kritischen Denkens, des Tanzes und Debattierens ist mein persönlicher Favorit, weil hier durch private Gelder eines Künstlers ein öffentlicher Ort der Avantgarde, ein Hybrid der alten Tradition der Kaffeehauskultur und des Philosophierens geschaffen wurde. Mit zahlreichen Aktivitäten und Interventionen wie Vorträgen für das Kollektiv wird hier sozusagen eine zivile Insel von Wissensproduktion in mitten von Paris gestellt. Im Unterschied zu herkömmlichen Kunstorten wird hier keine zentralistische Form der Wissensproduktion präsentiert, vielmehr das Kollektiv und das Zusammentragen von Gedanken gefördert.

Marcelle Alix (4 rue Jouye-Rouve, 75020 Paris)

Die von Isabelle Alfonsi & Cécilia Becanovic geführte Galerie in den etwas entlegeneren Straßen von Paris ist eine kleine Kunstoase im Nordosten der Stadt. Marie Voigniers Arbeit wurde hier sehr ausführlich ausgestellt, in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin wurden nicht nur Videoarbeiten und Monografien, sondern auch Beweggründe und Impulse, die als Grundton ihrer Arbeit dienten, sichtbar gemacht. Sehr schnell fühlt man in diesem Raum die Nähe zwischen Galeristinnen und Künstlerin, was den BesucherInnen wiederum einen tieferen Einblick in die Arbeitsweisen und Inhalte gibt.

Fondation Louis Vuitton (8, avenue du Mahatma Ghandi, 75116 Paris)

© DB-ADAGP Paris / Iwan Baan / Fondation Louis Vuitton

© DB-ADAGP Paris / Iwan Baan / Fondation Louis Vuitton

Art / Africa, le Nouvel Atelier.
Trotz des sehr altertümlich gewählten Ausstellungstitels bietet die momentane Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton im Westen der Stadt eine besondere Gelegenheit, Arbeiten von KünstlerInnen der Gegenwart zu besuchen. Die sowohl thematische als auch chronologische Unterteilung der Arbeiten führt im 2. Stock des Hauptgebäudes zu den Werken südafrikanischer KünstlerInnen, die in ihren Arbeiten Themen wie Apartheid, Verwurzelung, Identität, Rassismus und Widerstand aufgreifen.

Fondation Kadist (19bis/21 rue des Trois Frères, 75018 Paris)

Haig Aivazian, 1440 couchers de soleil par 24 heures, vue de l’exposition à la fondation Kadist, Paris, 2017 Courtesy de l’artiste & Kadist, Paris, 2017

Haig Aivazian: 1440 couchers de soleil par 24 heures
Im Herzen von Montmatre befindet sich in einem Hinterhof der im Jahre 2006 eröffnete Kunstraum Kadist, welcher sich als eine Non Profit Organisation bezeichnet, der Kunst als fundamentales Werkzeug sieht um die Gesellschaft zu verändern. Die Programme des Kunstraums unterstützen KünstlerInnen, deren Werke anschließend oft Teil ihrer Sammlung werden. Die Produktionen geben in vielerlei Hinsicht einen globalen Blick auf zeitgenössische Kunst, der in Kollaboration mit internationalen Kunstschaffenden wie KuratorInnen, Organisationen und KünstlerInnen gemeinsam geschaffen werden soll. Kadist ist nicht nur ein Ausstellungsort, sondern auch ein Begegnungszentrum für öffentliche Veranstaltungen.

Khiasma (15 Rue Chassagnolle, 93260 Les Lilas, Frankreich)

Espace Khiasma

Khiasma ist ein Kunstraum, der in der östlichen Peripherie der Stadt in einer ehemaligen Farbfabrik zu finden ist. Olivier Marboeuf, der Gründer des Raumes, ist Kurator, Autor und Performancekünstler, und beschäftigt sich mit der Beziehung von Bildern, Text und Stimme sowie Minderheiten-Narrativen. Khiasma ist ein wunderbarer Ort um Kunstschaffende, die jenseits des gewaltigen Kanons des eurozentristischen Diktats arbeiten, zu unterstützen. Ehemals primär als Ort des Zusammentreffens der umliegenden Nachbarschaft gedacht, transformierte sich hier Khiasma zu einem einzigartigen Ort, an dem eine kritische Auseinandersetzung mit Themen wie Grenzen, Politik, soziales Leben, mentale Gesundheit, urbane Ökologie und Transmission in Form gebracht wird.

Lynhan Balatbat-Helbock
Geboren 1982 in Wien, Österreich
Lebt und arbeitet in Berlin

Lynhan Balatbat-Helbock ist Kuratorin und Researcher und leitet ein partizipatives Archivprojekt bei SAVVY Contemporary in Berlin. Sie studierte Romanistik in Wien und absolvierte ihren Master in Postcolonial Cultures and Global Policy an der Goldsmiths Universität in London. Seit 2014 lebt sie in Berlin und arbeitet unter anderem an dem permanenten Archivprojekt Colonial Neighbours. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit kolonialen Spuren die sich in der Gegenwart manifestieren, silenced histories und Dekanonisierung des Westlichen Blickes. In enger Zusammenarbeit mit Künstlerinnen, Initiativen und Aktivisten wird in einer hybriden Praxis ihre jeweilige Arbeit durch eine kritische Auseinandersetzung mit den Objekten des Archives, bedingt.

Sie unterstützte die Künstlerin Bouchra Khalili bei mehreren Projekten und Ausstellungen, darunter bei Streamlines-Ozeane, Welthandel und Migration, Deichtorhallen Hamburg, Germany (2015), The Opposite of Voice-Over, Färgfabriken Konsthall, Stockholm (2016) und The Mapping Journey Project, MoMA, New York (2016).

Zuletzt arbeitete sie in Kollaboration mit dem Maerzmusikfestival der Berliner Festspiele an der Ausstellung und dem Dokumentationszentrum zu Julius Eastman und dem Radio Format der documenta14 – Every time a Ear di Sound, SAVVY Funk in Berlin.

5 Highlights in Paris während Mois de la Photographie du Grand Paris

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Eigentlich müsste man natürlich den ganzen Monat April 2017 in Paris gewesen sein, um das umfassende Ausstellungsprogramm, das in diesem Jahr das Festival zum Monat der Photographie erstmals nicht nur im Zentrum, sondern auch in der Umgebung der Metropole präsentierte, angeschaut haben zu können.

In einem Kraftakt für das Medium wurde unter der künstlerischen Gesamtleitung von Francois Hébel, dem langjährigen Leiter des Festivals von Arles, ein Programm präsentiert, an dem sich eine Vielzahl von Museen, Galerien, Kulturinstituten und Kulturzentren, KünstlerInnen und KuratorInnen in Paris und Umgebung beteiligten.

Unter der engagierten Betreuung von Sophie Robnard vom Institut Francais Paris und auf Einladung von den Ländervertretungen des Institut Francais war es einer Gruppe von internationalen KuratorInnen möglich, Wege zu Orten einzuschlagen, die man bei den sonstigen Besuchen von Paris aus zeitökonomischen Gründen leider meist nicht kennenlernt.

Hier stellte das diesjährige Festival in jedem Fall einen möglichen Leitfaden dar. Nicht immer finden sich jedoch die qualitativ unterschiedlichen Beiträge in dem ‚schwergewichtigen’ Begleitkatalog zum Festival wieder. So war es sicherlich gut, die ‚Grand Tour du Grand Paris’ auf sich zu nehmen. Sie schloss Themenausstellungen, kunsthistorische Qualität und Beiträge von jungen Künstlerinnen und Künstlern ein, die mit dem Medium der Photographie und Video sehr unterschiedlich arbeiten.

Identität, Urbanität und soziologische Realität als photographische Themen gehören sicherlich zu den wichtigen Referenzpunkten der Photographiegeschichte. Die Retrospektiven von Walker Evans und Josef Koudelka im Centre Pompidou sind hierzu ebenso erwähnenswert, wie sich auch andere Museen und Ausstellungshäuser im Zentrum von Paris wichtigen Aspekten der Photographiegschichte – u.a. zum Jubiläum von MAGNUM – widmeten.

Wie nähert man sich einer Stadt an, deren Historie, architektonische Vielfalt und kulturellen Schätze oft durch idealisierende Klischees überdeckt werden und dabei die alltägliche Ästhetik und Realität der Vororte mit ihren Baustellen, nüchternen Straßenbildern, Architektursünden und einem damit verbundenen Lebensgefühl in den Hintergrund drängen?

Aus unterschiedlichen Perspektiven und mit der konzeptuell stringenten Methode, sich immer auf das Ortsschild „Paris“ aus einem Abstand von sechs Metern zu konzentrieren, nahm der polnische Künstler Eustachy Kossakowski nach seiner Ankunft in Paris in den frühen 1970er Jahren in einer 157-teiligen Serie von Schwarzweißphotographien die wenig populären Randbezirke von Paris beim Eintritt in die Stadt auf. Die Serie mit dem Titel„6 mètres avant Paris“ präsentierte das MAC VAL, Musée d’art contemporain du Val-de-Marne, Vitry-sur Seine.

Die bildnerische und natürlich auch soziologische Verweiskraft der Vororte erschien aus zeitgenössischer Perspektive auch von der jungen Französin Po Sim Sambath in einer mehrteiligen Arbeit thematisiert.„Les Muristes“ setzt dabei die typisierte Figur eines mit ‚Streetwear’ bekleideten Drogenhändlers zu einem fiktional anmutenden öffentlichen Raum in Beziehung. Generiert durch einen 3D Scanner und einem 3D Drucker, erscheint die Skulptur in der Nähe der szenischen Leuchtkasten-Stadtraum-Photoarbeit und schafft die Verbindung zwischen den unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen. Als Teil einer Gruppenausstellung in einem ehemaligen Möbelhaus in der Fußgängerzone von St. Denis gehörte die Arbeit hier zu einem der spannenden Beiträge – Aktualität unweit der berühmten gotischen Kathedrale.

Neben den Aspekten des urbanen Lebens stellten verschiedene Ausstellungen auch die Verbindung zwischen archaischen Landschaftsbildern und metaphorisch besonderen Momenten zwischen Mensch und Natur her. Eine der Entdeckungen hierzu war die Filmarbeit „Tezen“ von Shirley Bruno in der Galerie Municipale Jean Collet. Von besonderer Ruhe und Atmosphäre geprägt geht hier die Künstlerin, die in New York geboren wurde und inzwischen in Paris lebt, einer alten und immer wieder unterschiedlich erzählten Geschichte aus Haiti nach. Ihre Homepage informiert auch nach der Ausstellung über die sensible Arbeit.

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Barbara Hofmann-Johnson ist seit November 2016 Leiterin des Museums für Photographie Braunschweig. Sie studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Theater- Film- und Fernsehwissenschaften und kuratierte im Bereich zeitgenössischer Kunst und Photographie eine Vielzahl von Ausstellungsprojekten. Bevor sie an das Museum für Photographie Braunschweig wechselte, arbeitete sie u.a. für Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv in Köln und hatte einen Lehrauftrag an der Folkwang Universität der Künste Essen im Bereich Photographie/kuratorische Praxis.

Thibaut de Ruyters Tipps zum berliner “Gallery Weekend 2017″

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Das “Gallery Weekend” Berlin ist in den letzten zwölf Jahren zu einem wahren Kunst-Highlight und einer interessanten Alternative zu den traditionellen Messen zeitgenössischer Kunst geworden. Für die deutsche Hauptstadt, der es nie wirklich gelungen ist, ihren Platz in der Welt der bedeutenden internationalen Kunstmessen zu finden, ist die Tatsache, dass über 50 Galerien sich für ein Wochenende (28.-30. April 2017) zusammenschließen, um ihre Ausstellungen zu präsentieren und gemeinsam den künstlerischen Reichtum dieser Stadt zu feiern, eine wunderbare Alternative.

Es ist aber vor allem aus einem anderen Grund ein viel interessanteres Format als die traditionellen Messestände: Die Galerien haben „Heimvorteil“ und können somit wunderbare Ausstellungen in ihren eigenen Räumlichkeiten präsentieren. (Angesichts der Entfernungen zwischen den verschiedenen Galerien sollte man jedoch bequemes Schuhwerk tragen oder über ein großzügiges Taxi-Budget verfügen). Kurzum, das Gallery Weekend ist mittlerweile zu einer festen Größe im Berliner Kunstkalender geworden.

Für diese Gelegenheit zieht  Esther Schipper  in größere Räume und präsentiert den Künstler Anri Sala; nur etwa zehn Meter weiter stellt Tanja Wagner Werke von Kapawani Kiwanga aus und an der nächsten Straßenecke zeigt das EXILE Arbeiten von französischen Künstlern in einer Gruppenausstellung. Wie man sieht, braucht man sich um die französische Szene erfreulicherweise keine Sorgen zu machen.

Andererseits legen wir doch nicht 1000 km zurück, um dann wieder nur Franzosen zu sehen! Deshalb unbedingt zu MEYER RIEGGER gehen und die Werke der Künstlerin Eva Kot’átková bestaunen oder auf der anderen Straßenseite zu Daniel Marzona, der Bernd Lohaus präsentiert, und ein Abstecher zu  Mehdi Chouakri lohnt sich ebenfalls, denn dieser zeigt die Werke der genialen und feinsinnigen Charlotte Posenenske.

Einen kleinen Wehrmutstropfen gibt es dennoch und einen Wunsch für die kommenden Ausstellungen: Mehr Risikobereitschaft. Denn auch wenn Jürgen Klauke (Galerie Guido Baudach), Candice Breitz (KOW), Thomas Schütte (Carlier / Gebauer), Martin Barré (Kunsthandel Wolfgang Werner) oder auch Michel Majerus (NEUGERRIEMSCHNEIDER) leidenschaftliche Künstler sind, so sind sie doch keine wirkliche Entdeckung mehr und stehen nicht für das, was Berlin derzeit an Innovativem zu bieten hat. Deshalb wäre es ratsam, zwischen zwei „Blockbustern“ auch in die anderen Galerien (Thomas Fischer, House of Egorn oder das Experiment Eigen+Art Lab) zu gehen und einen aufmerksamen Blick hineinzuwerfen…

Aber was wäre eine Galerie ohne Kunstsammler? Wenn man schon in Berlin ist, sollte man sich also auch ein bisschen Zeit nehmen für einen Besuch der Julia Stoschek Collection (die dem französischen Künstler Cyprien Gaillard einen besonderen Stellenwert einräumt) und vor allem der Sammlung Hoffmann (die auch Werke eines seltsamen französischen Künstlers mit dem Namen Titus zeigt). Es ist schön zu sehen, dass die Kunstwerke, wenn sie erst einmal verkauft sind, nicht zwangsläufig in Kisten verschwinden, sondern dass wahre leidenschaftliche Sammler dafür sorgen, dass sie auch weiter mit Leben erfüllt werden.

Thibaut de Ruyter
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Thibaut de Ruyter ist Architekt, Kurator von Kunstausstellungen sowie Kunst- und Architekturkritiker. Er lebt und arbeitet seit 2001 in Berlin und schreibt regelmäßig für die Publikationen Artpress, Mouvement und Fucking Good Art. Er hat bereits Ausstellungen im HMKV in Dortmund, dem Eigen + Art Lab in Berlin, dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf im Kunstmuseum Bochum realisiert, sowie die Neugestaltung des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main begleitet. Er ist, neben Gaisha Madanova, Mitbegründer der ersten Kunstzeitschrift Kasachstans –ALUAN – und hat zusammen mit Inke Arns für das Goethe-Institut die Wanderausstellung Die Grenze über  Künstler der ehemaligen Sowjetstaaten kuriert (bis Ende 2018 in verschiedenen Städten in Russland, Zentralasien und Kaukasien zu sehen). Er bereitet für Juni 2017 eine Ausstellung über das Fotobuch im Kunstzentrum CRP in Douchy-Les-Mines und eine weitere übe rdie Sammlung des Museum Sztuky in Lodz vor.

Projekte

Jean-Christophe Arcos an den Kunstmuseen Krefeld

matali crasset, Permis de construire, 2000, Schaumstoff, Stoff Foto: Patrick Gries

matali crasset, Permis de construire, 2000, Schaumstoff, Stoff
Foto: Patrick Gries

Jean-Christophe Arcos wird im Rahmen des „Jeunes Commissaires“-Programms an die Kunstmuseen Krefeld gehen und dort das Vermittlungs- und Rahmenprogramm einer Ausstellung zu den Designherstellern Domeau & Pérès mitkonzipieren und an der wissenschaftlichen Publikation mitwirken. 120 Jahre nach Einweihung des ursprünglich als Museum für Kunst und Kunstgewerbe gegründeten Kaiser Wilhelm Museums haben die Kunstmuseen Krefeld eine wichtige Schenkung im Bereich des Designs von Domeau & Pérès erhalten. 1996 haben der Polsterer Philippe Pérès und der Sattler Bruno Domeau das Unternehmen Domeau & Pérès gegründet, um ihr handwerkliches Können und ihre Expertise dem zeitgenössischen Design zu widmen. Domeau & Pérès ermöglichen Designern ihre ambitioniertesten Träume zu verwirklichen und schreiben Designgeschichte mit Möbeln und Objekten in limitierter Auflage, die häufig sehr aufwendig in der Herstellung sind. Zu der Schenkung gehören Objekte u. a. von Ronan & Erwan Bouroullec, Christophe Pillet, matali crasset, Martin Szekely und Eric Jourdan. Diese Objekte werden im Mai 2018 zusammen mit Werken der angewandten Kunst aus der eigenen Sammlung in einer Ausstellung im Kaiser Wilhelm Museum gezeigt. Die Ausstellung und der begleitende Katalog werden ihren kreativen Dialog mit führenden französischen Designern abbilden.

Die Kunstmuseen Krefeld bespielen mit ihrem Ausstellungsprogramm drei Häuser und nehmen aufgrund dieser architektonischen Besonderheit eine einzigartige Rolle in der deutschen Museumslandschaft ein. Ein Ziel der neuen programmatischen Ausrichtung des Hauses unter Katia Baudin ist es, die Bestände der angewandten Kunst sowie die Schnittstellen zwischen angewandter und bildender Kunst im zukünftigen Ausstellungsprogramm stärker in den Vordergrund zu rücken. Damit knüpfen die Kunstmuseen Krefeld an die Gründungsgeschichte des Kaiser Wilhelm Museums aus einer zeitgenössischen Perspektive an.

Diane Turquety @Documenta 14

DOCUMenta

Diane Turquety wirkte im Rahmen des Jeunes Commissaires-Programms bei der documenta 14 an der Umsetzung des Projektes  marco14 und CIAM4 / Schiffbruch mit Zuschauer von Rainer Oldendorf mit. Die Arbeit umfasste eine Doppelausstellung und ein Seminar mit Filmdreh auf dem Weg von Athen nach Kassel. Oldendorf inspirierte sich dabei an dem 4. Internationalen Kongress für Moderne Architektur (CIAM) von 1933, an dem u. a. der Architekt Le Corbusier teilgenommen hatte, und begriff das Konzept der Lehre als skulpturale Praxis. Der Film marco14, der aus diesem Anlass gedreht wurde, diente dabei als Katalysator.

Diane Turquety war in Paris und dann vor Ort in Athen für die Realisierung und Präsentation des Projekts bei der documenta 14 im Polytechnion Athen zuständig. Sie koordinierte die Organisation einer Doppelausstellung – eine Installation/Ausstellung mit einer Reihe von Schlüsselelementen zur Vorbereitung des Films marco14 und eine weitere Ausstellung mit Beiträgen von Studierenden der Partnerschulen: Hochschule der Bildenden Künste Athen, Nationale Technischel Universität Athen, Universität Thessalien, Postgraduate Programm INSTEAD (Griechenland), Institut Supérieur des Beaux-Arts de Besançon  Franche-Comté (Frankreich) und der Kunsthochschule Kassel (Deutschland).

Ferner organisierte Diane Turquety die Seminarwoche und den Filmdreh für marco14, der Mitte Mai während einer Reise von Athen über Besançon nach Kassel stattfand. Rund 30 Schauspieler_innen, Referent_innen und Studierende aus Griechenland, Frankreich und Deutschland haben an dem Seminar teilgenommen. Der dabei entstandene Film marco14 wurde bis zum 17. September 2017 in der Kunsthochschule Kassel und im Hessischen Landesmuseum bei der documenta 14 präsentiert.

Hier ein Interview mit der jungen Kuratorin

Kunstverein Hannover – Eleonore False “Open Room”, om-thé-tue-eint-agit, 4.09.16 – 18.09.16

Die junge Kuratorin Mathilde de Croix lädt die Künstlerin Eleonore False im Kunstverein Hannover, um zwei Räume zu einsetzen.

In einer Bewegung, die sich gegenläufig zu den Accrochagen von »Open Studio« verhält, findet die Ausstellung von Éléonore False unter dem Titel »Open Room, om-the-tue-eint-agit« in zwei Sälen des Kunstvereins Hannover statt. Die Künstlerin profitiert von der Ambiguität, die bei der Übersetzung des englischen Begriffs »room« ins Französische auftritt, werden dabei doch verschiedene Wirklichkeiten aufgerufen wie »Raum« (frz. pièce), »Saal« (frz. salle) und Zimmer (frz. chambre). Die Beschäftigung der Künstlerin mit diesen unterschiedlichen Räumlichkeiten nimmt die Bedeutungsweite des Begriffs zum Ausgangspunkt, die vom intimen bis zum normierten Raum reicht. Der Untertitel, om-the-tue-eint-agit, ist grafische Form und Babygeplapper zugleich und unterstreicht den experimentellen Charakter ihres Vorgehens. Dass bei dieser Gelegenheit ihr Werk geografisch mit dem Merzbau von Kurt Schwitters zusammentrifft, der schon immer ein Künstler für Künstler war und zudem für sie ein sehr wichtiger Künstler ist, war für False ein weiteres impulsgebendes Element für die Ausstellung.

Éléonore False »Open Room, om-thé-tue-eint-agit«, 2016

Éléonore False »Open Room, om-thé-tue-eint-agit«, 2016