Intro

Neue Wege in der Unterstützung junger Kuratoren in Frankreich und Deutschland

Mehr erfahren

Journal

Les Vitrines 2024 – Ausstellung „All das, wovon ihr ihr noch nie gehört habt“ – Arthur Gillet

Les Vitrines ist ein Ausstellungsraum, der der französischen Kunstszene gewidmet ist und vom Büro für bildende Kunst des Institut français Deutschland sowie vom Institut français Berlin eingerichtet wurde. In diesem Jahr übernimmt die Kuratorin Lisa Colin die künstlerische Leitung, das Studio Kiösk die visuelle Gestaltung.

Neue Sprachen

In diesem Jahr lädt der Ausstellungsraum Les Vitrines nacheinander die Künstler Arthur Gillet und Lou Masduraud ein, sich an einer romantischen Revolution zu beteiligen. Von Seidenmalerei bis hin zum Patinieren von Bronze geben sie mit ihren einzigartigen und sorgfältigen Methoden den traditionellen Fertigkeiten einen neuen Anstrich und bringen wunderbare Welten zum Vorschein, die bislang verborgen waren. Die eigens zu diesem Anlass geschaffenen Fresken erheben das lange Währende, die Verflechtung und die Wiederentdeckung der Seide und des Hörens zu unverzichtbaren Triebkräften für den Wiederaufbau einer gemeinsamen Welt.

Arthur Gillet, All das, wovon ihr ihr noch nie gehört habt

01.03. – 15.06.2024

Vernissage am Donnerstag, den 29. Februar 2024 um 19 Uhr und Performance von Arthur Gillet um 20 Uhr, Eintritt frei

Mit einer Seidenmalerei von 25 Metern Länge zeichnet Arthur Gillet seinen Werdegang nach, wissend um seine Schwierigkeit, sich an die Welt und andere anzupassen. Dieses persönliche und zugleich universelle Fresko zeugt vom Leben eines CODA – Child of Deaf Adults [hörendes Kind von gehörlosen Eltern] und offenbart oft unterschätzte Aspekte des Lebens von Gehörlosen und soziokulturelle Herausforderungen, die mit diesem Anderssein einhergehen. Mit einer Gruppe von Figuren überwindet das Werk die Sprachbarrieren und erkundet die Feinheiten der nonverbalen Kommunikation.

Mit einem Pfeil, der das Ohr von Arthurs Mutter durchbohrt, erinnert die Malerei an deren Hörverlust und an die Lebensabschnitte, die daraus folgten: ihre Erziehung im Kloster, wo man ihr verbot, sich in Gebärdensprache auszudrücken, ihre Beteiligung am Réveil Sourd („Erwachen der Gehörlosen“), einer Bewegung, die sich für die Rehabilitierung der französischen Gebärdensprache einsetzte, die Geburt von Arthur und seine schwierige Eingliederung in eine Welt zwischen Gehörlosen und Hörenden, die soziale Isolation, die Hänseleien und die Gewalt aufgrund des Andersseins, ehe beide, Mutter und Sohn, durch die neuen Technologien eine Form der Emanzipation fanden. Arthur Gillet ließ sich dabei von den Buchmalereien von Cristoforo de Predis inspirieren, einem gehörlosen Künstler des italienischen Mittelalters, insbesondere was die Verwendung von kräftigen Farben und die Darstellung von symbolischen Strukturen betrifft: Architektonische Elemente – Inklusorien, Kirchen, Tore, Türme – sind für die dargestellten Figuren, die von unsichtbaren Wesen geleitet werden, gleichermaßen Orte der Isolation und des Übergangs. Die Ikonographie offenbart die oft verschleierte Rolle der Religion in der Geschichte der Gehörlosen, in der die Gleichsetzung von Gehörlosigkeit mit geistiger Behinderung zum Wegsperren und zur Stigmatisierung der Betroffenen geführt hat. Die figurative Darstellung, eine Kunst, die bereits in den Kirchen zur Vermittlung des Inhalts eines Buches an eine analphabetische Bevölkerung angewandt wurde, beschränkte sich jedoch nicht auf einen rein pädagogischen oder schmückenden Aspekt. Die Fresken von Fra Angelico im Kloster San Marco waren als Stütze für den inneren Dialog gedacht. In der Kultur der Gehörlosen und der CODA ist die Überzeugung entstanden, dass das Bild über eine westliche (platonische, christliche oder moderne) Dialektik hinaus nicht das Substitut einer ihm überlegenen intellektuellen Wahrheit ist, sondern eine eigenständige, bedeutungsvolle und facettenreiche Ausdrucksform, die die Grenzen des gesprochenen Wortes überwindet.

Gehörlos oder CODA zu sein war dennoch bis 2005 gleichbedeutend damit, keine Muttersprache zu haben. Beim Mailänder Kongress von 1880 kamen 225 „Spezialisten“ zusammen, darunter nur drei Gehörlose, und fassten den Beschluss, die gesprochene Sprache auf Kosten der Gebärdensprachen zu fördern. Die Gebärdensprachen blieben bis 1991 verboten[1], ehe sie im Laufe der 2000er Jahre (in Frankreich im Jahr 2005) nach und nach in Europa als offizielle Sprachen anerkannt wurden. Der Oralismus verlangte von gehörlosen Menschen eine erzwungene Integration durch Nachahmung unter Anwendung von schmerzhaften und verstümmelnden Methoden (Apparate, Trepanationen). Er war Teil einer Pädagogik, die vorgab, dass man hören und sprechen können muss, ehe man schreiben lernen kann, und wertete die Fähigkeiten und die Intelligenz ab, die bei jedem Menschen individuell ausgeprägt sind. Mit ihm entwickelten sich Methoden des erzwungenen Lernens, nach dem Motto: Dieses Kind wird genau wie die anderen sein: Es wird hören und es wird sprechen[2]. Folglich herrschte 2003 in Frankreich unter den zwei Millionen von Geburt an gehörlosen Menschen ein massiver Analphabetismus von 80 %[3]. Dies betrifft auch die Mutter von Arthur, die 1971 den einzigen für sie realisierbaren Abschluss erlangte, einen Befähigungsnachweis in Hauswirtschaft. In den 70er und 80er Jahren beteiligte sie sich an der Bewegung Réveil Sourd, die sich im Schulterschluss mit den organisierten Kämpfen von Feminist*innen, Antirassist*innen, LGBTQ-Aktivist*innen und Kolonialismusgegner*innen, die für ihre Anerkennung und ihre Rechte eintraten, für eine zweisprachige Erziehung von gehörlosen Kindern stark machte. Durch diese Begegnung mit anderen Gehörlosen erlernte Arthurs Mutter im Alter von 17 Jahren ihre „natürliche Sprache“, die Gebärdensprache.

Indem er bisweilen traumatische Begebenheiten noch einmal abruft, macht Arthur Gillet wenig bekannte soziopolitische Zustände sichtbar und schafft Aufmerksamkeit für die häufig erfolgende Parentifizierung: Den CODA wird dabei die Rolle als Vermittler oder Elternteil im Kontakt mit einer in vielen Bereichen (Arbeitssuche, Übersetzung, Sozialisierung, Integration) ableistischen Gesellschaft von Hörenden auferlegt. Der Künstler stellt den bedeutenden Einfluss der technologischen Entwicklungen wie die Erfindung des Minitel-Systems, des Telefons, der Funk-Blitzlampe Lisa (die Töne als Lichtsignale wiedergibt) oder des Teletexts Antiope (für die Live-Transkription von Dialog und Ton aus Filmen, dargestellt mit einem Farbcode) heraus, die nicht nur die Kommunikation und soziale Integration erleichtert, sondern vor allem auch dazu beigetragen haben, dass gehörlose Personen selbstständiger leben können. In seinem Fresko entwickelt er eine vielschichtige Ikonographie des Unsichtbaren, in der die Technologie die Religion in den Hintergrund drängt: Die Engel werden durch verkündende Bildschirme ersetzt, der Glockenturm der Kirche durch einen Sendemast und die Heiligenstrahlen sind Funkwellen. Das 21. Jahrhundert wird damit zum Zeitalter der Magie, Dinge geschehen, ohne dass man ihre Funktionsweise versteht. Nach dem Vorbild von Hilma af Klint[4], deren Aufzeichnungen und Bilder vom Spiritismus geprägt sind, ist das Werk von Arthur Gillet ein Portal zu anderen Dimensionen, in denen Realität und Fantasie gleichsam existieren. Die Verwendung der figurativen Darstellung macht eine physische Kondition sichtbar, die es sonst nicht ist, und wirkt so deren „Monstrosität“, d. h. eben jener fehlenden Wahrnehmbarkeit, entgegen. Die neuen Technologien haben der Bewegung ebenfalls eine hohe Sichtbarkeit verschafft, eine selbstverwaltete politische Repräsentation nach dem Beispiel anderer Minderheiten.

Das von hinten beleuchtete Fresko nimmt Züge von Kirchenfenstern oder einer Leinwand an und folgt dem Ablauf eines Kinofilms: Wer an dem Ausstellungsraum vorbeigeht, entdeckt eine Abfolge von Bildern, die als stumme Zeugen des Lebens eines CODA zum Leben erwachen. Zwischen dem Anspruch, genau „wie die anderen“ zu sein und jenem, in seiner Besonderheit anerkannt zu werden, löst Arthur Gillet die Stereotype auf und stellt die Gehörlosigkeit nicht als ein Unvermögen dar, sondern als einen Unterschied auf körperlicher, intellektueller und emotionaler Ebene. All das, wovon ihr noch nie gehört habt ist ein visuelles Manifest; das ergreifende Zeugnis eines Kampfes für Inklusion und die Anerkennung der Gehörlosenkultur.

Lisa Colin

[1] Ab 1975 lehrten in der Île-de-France Vereine wie das IVT – International Visual Theatre die französische Gebärdensprache. Erst mit der „Fabius“-Gesetzesnovellierung von 1991 wurde den Familien das Recht zugesprochen, einen zweisprachigen Unterricht für ihre Kinder zu wählen. Dieses Dekret wurde jedoch kaum beachtet, sodass in der Folge lediglich 1 % der gehörlosen Schülerinnen und Schüler Zugang zu diesen Strukturen hatte.

[2] Marcelle Charpentier, Cet enfant sera comme les autres : il entendra, il parlera. Dès l’âge de la maternelle (Éditions sociales françaises, Paris, 1956).

[3] Brigitte Parraud und Carole Roudeix, „Bibliothèque, lecture et surdité“, BBF – Bulletin des bibliothèques de France (online abrufbar, 2004).

[4] Schwedische Malerin (1862-1944), die ihr Leben und ihre Arbeit der Erforschung des Unsichtbaren gewidmet hat

Arthur Gillet (geb. 1986, lebt und arbeitet in Paris) ist ein bildender Künstler und Performance-Künstler. Parallel zu seinem Studium an der École des beaux-arts de Rennes absolvierte er eine Ausbildung in zeitgenössischem Tanz im Musée de la danse. Er wuchs begleitet vom Prozess der geschlechtlichen Transition in einer gehörlosen und neurodiversen Familie auf, die vom Arbeitsmarkt ausgegrenzt war. In seinem Werk vertieft Arthur Gillet die Themen Verlangen, Identität, sozialer Kampf und Medien; mit seiner Performance‑ und Happening-Kunst besetzt er öffentliche und institutionelle Räume. Er ist geprägt von Autorinnen und Künstlerinnen, die seine geschlechtliche Transition begleitet haben: Naoko Takeuchi, Jane Austen, Valtesse de la Bigne, Virginia Woolf, Murasaki Shikibu, Isabelle Queval, Geneviève Fraisse, Elisabeth Lebovici. Seine Arbeit hat Arthur Gillet sowohl in Frankreich als auch im Ausland präsentiert, unter anderem im CAC Brétigny, im Palais de Tokyo (Paris), in der PROXYCO Gallery (New York) und im Transpalette – Centre d’art contemporain de Bourges.

Website: https://arthurgillet.com/

Instagram: @arthurouge

Kiösk ist ein Grafikdesignstudio mit Sitz in Ivry-sur-Seine. Das Duo, bestehend aus Elsa Aupetit und Martin Plagnol, entwirft visuelle Identitäten, Websites, Plakate, Editionen und Beschilderungen im Rahmen von öffentlichen und privaten Aufträgen. Sie haben außerdem den unabhängigen Verlag Dumpling Books gegründet.

Studio Kiösk 

Instagram : @studio_kiosk

Les Vitrines 2023 – Ausstellung „ICH HABE DIE MAUER NACH MEINEM WEG GEFRAGT (sie sagte mir, ich solle geradeaus gehen)“ – Fanny Taillandier

Les Vitrines ist ein Ausstellungsraum für die französische Kunstszene, der vom Bureau des arts plastiques des Institut français d’Allemagne und des Institut français de Berlin initiiert wurde. Für diese neue Ausstellungsreihe mit dem Titel L’horizon des événements wurde die künstlerische Leitung der Kuratorin Fanny Testas und die visuelle Identität dem Kollektiv Bye Bye Binary (Eugénie Bidaut, Roxanne Maillet und Léna Salabert) anvertraut. Drei französische Künstlerinnen, Vava Dudu, Lola Barrett und Fanny Taillandier, wurden eingeladen, das ganze Jahr über drei Ausstellungen zu gestalten, die neue sciences-fiction Erzählungen und Vorstellungswelten heraufbeschwören und sich als Zeitkapseln oder Wurmlöcher ausgeben.

Wenngleich die Räume der Freizügigkeit rund um die Welt zunehmen, gehen sie paradoxerweise mit immer schwieriger zu überwindenden Grenzen einher: Mauern, Stacheldrahtzäune, Seeüberwachung … So wird auf Freihandel mit Militarisierung und auf wachsende Mobilität mit der inflationären Schaffung von Sondergerichten reagiert, die den Wanderbewegungen der Menschen im Weg stehen. Auf die von Natur aus unpersönliche Sprache des Rechts und dessen Restriktionen antworten die kollektiven Gesänge der Migrationsströme, die seit der Entstehung der Schrift im Epos ihren Ausdruck finden.

Welcher Dialog ist möglich zwischen den Rechtsnormen, die überall auf der Welt im Namen von Prinzipien mit variabler Geometrie den Weg frei machen oder versperren, und unserem individuellen und kollektiven Bewusstsein, getrieben von dem Wunsch und dem Bedürfnis, die Welt zu durchstreifen? Indem sie einen Dialog zwischen zwei Maschinen in Gang setzt, die ihrem Wesen nach unfähig sind, einander zu verstehen, führt die Ausstellung ICH HABE DIE MAUER NACH MEINEM WEG GEFRAGT (sie sagte mir, ich solle geradeaus gehen) die unmöglichen Absprachen zwischen Sprachregimen vor Augen, deren Legitimität nicht am selben Ort entsteht und die doch, durch ihre jeweiligen Kräfte, die Welt formen, in der wir leben. Angesichts der Tatsache, dass die Schwelle von weltweit 100 Millionen emigrierten Personen im Jahr 2022 überschritten wurde, stellt das Konzept, Grenzen als Raum für vielschichtige Dialoge und für die Konfrontation zwischen verschiedenen Vorstellungswelten zu begreifen, eine Möglichkeit dar, der Zukunft das Wort zu erteilen.

Die Werke von Fanny Taillandier werden von einer Auswahl an Fotografien von Samuel Gratacap ergänzt, die aus dessen 2023 veröffentlichtem Werk Bilateral stammen.

Die visuelle Identität des Vitrines 2023 wurde von Fanny Testas dem französisch-belgischen Kollektiv Bye Bye Binary anvertraut, das gleichzeitig ein pädagogisches Experiment, eine Gemeinschaft, ein Atelier für variable typo-graphische Kreation, ein Netzwerk und ein Bündnis ist. BBB erforscht die Schaffung von grafischen und typografischen Formen, die sich an die inklusive Schrift anpassen lassen.

Visual identity by Bye Bye Binary (Eugénie Bidaut, Roxanne Maillet and Léna Salabert-Triby)

Die Vernissage fand am Donnerstag, den 12. Oktober 2023 ab 19 Uhr mit einer Performance von Fanny Taillandier und Noé Balthazard statt.

Katharina Ziemke, „Unwetter“ Ausstellung

Text verfasst von Lisa Colin im Rahmen des Stipendiums Reise- und Forschungsstipendium JEUNES COMMISSAIRES 2023

 

Von der Malerei über die Vide  okunst bis hin zur Performance entfaltet die deutsche Künstlerin Katharina Ziemke ein rohes und sorgfältiges künstlerisches Universum. Sie lässt sich von den Bereichen der Wissenschaft und der Geisteswissenschaften inspirieren, um Werkserien zu schaffen, die von ökologischen, feministischen oder medialen Überlegungen geprägt sind. Ihre großformatigen Gemälde auf Baumwoll-Leinwand, Dibond oder Reisblatt enthüllen figurative Szenen in leuchtenden Farben, die den Blick einfangen und uns mit beunruhigenden Realitäten konfrontieren.

 

Katharina Ziemke, Tempest #4, 2020, aquarell auf Baumwolle, 95 x 125 cm

Im Frühjahr 2023 wird die Künstlerin zu einem Aufenthalt in der Cité des Arts in Paris eingeladen, wo sie eine Reihe von Untersuchungen zu Stürmen entfaltet, buchstäblich als Wetterphänomene und als Metapher für die ökologischen Herausforderungen unserer Zeit. In ihrem Studio zeigen die Gemälde und Videoarbeiten eine Vielfalt von Perspektiven in Bezug auf Stürme und betonen insbesondere die Fakten, die wir zu kennen glauben.

Während der Recherchereise nach Berlin treffe ich erneut Katharina Ziemke, die mir die Kuratierung ihrer Ausstellung Unwetter anbietet. Zwischen Darstellung und Abstraktion, Traum und Realität beleuchtet der Werkkorpus Unwetter auf der ganzen Welt. Die mit Öl oder Tusche auf Reispapier gemalten Werke fangen die erhabene Schönheit und zerstöre-rische Kraft des Sturms ein und nutzen die Möglichkeiten des Mediums, intensive, gefühlsbetonte Farben und Texturen zu vermitteln.

 

Blick in die Ausstellung Unwetter, Humboldt Universität zu Berlin vom 28.09. bis 10.11.2023 © Stefan Klenke

Die Ausstellung ist als Gesamtinstallation im Dialog mit der Architektur der Humboldt-Universität zu Berlin konzipiert und lädt das Publikum ein, zwischen den Werken zu wandern, die Gemälde, Videos und Performances miteinander verbinden. Im Zentrum sammelt die Serie ‚Episode: Sturm‘ die Gedanken von gesellschaftlichen Akteuren: CSR-Manager, Politiker, Chemiker, Wissenschaftler und Teenager. Die Zeichnung, die nach und nach auf dem Bildschirm erscheint, steht neben den Interviews, in denen die Themen Nachhaltigkeit, Gesundheitspolitik, Zukunftstechnologien, Biodiversität, Untätigkeit wie auch Anpassung beschäftigen. Die Installation bietet eine Reflexion über unsere gemeinsame Umweltverantwortung angesichts des Klimawandels.

 

Blick in die Ausstellung Unwetter, Humboldt Universität zu Berlin vom 28.09. bis 10.11.2023 © Stefan Klenke

Obwohl in diesen subjektiven Fragmenten unweigerlich Melancholie mitschwingt, ermutigt uns Katharina Ziemke, diese Stimmung abzuschütteln. Die Ausstellung unterstreicht die Notwendigkeit, Kunst und Wissenschaft zusammenzubringen, um die Phänomene und Emotionen, die wir erleben, besser zu verstehen. Unwetter ist ein poetisches Experiment, für das das Publikum eingeladen wird, die aktuellen Katastrophen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten: Die Installation ist Schauplatz zahlreicher Debatten, Performances, Universitätskurse, Führungen und Workshops, um gemeinsam unsere Verpflichtungen zu überdenken.

Mehr über Lisa Colin

Das Reise- und Forschungsstipendium ist eine Initiative des BDAP und ein vom DFJW (Deutsch-Französisches Jugendwerk) gefördertes Projekt.

Projekte

Les Vitrines 2023 – Ausstellung „Schneckenprinzessin“ – Lola Barrett

Les Vitrines ist ein Ausstellungsraum für die französische Kunstszene, der vom Bureau des arts plastiques des Institut français d’Allemagne und des Institut français de Berlin initiiert wurde. Für diese neue Ausstellungsreihe mit dem Titel L’horizon des événements wurde die künstlerische Leitung der Kuratorin Fanny Testas und die visuelle Identität dem Kollektiv Bye Bye Binary (Eugénie Bidaut, Roxanne Maillet und Léna Salabert) anvertraut. Drei französische Künstlerinnen, Vava Dudu, Lola Barrett und Fanny Taillandier, wurden eingeladen, das ganze Jahr über drei Ausstellungen zu gestalten, die neue sciences-fiction Erzählungen und Vorstellungswelten heraufbeschwören und sich als Zeitkapseln oder Wurmlöcher ausgeben.

Seit Anbeginn der Menschheit übt das Meer eine Faszination aus und wurde zu einem ergiebigen Quell für Mythen, Träume und Legenden. Noch heute bleiben die Tiefen der Meere zum Teil unerreichbar und sind weniger erforscht als das Festland oder das Weltall, was sie zum Gegenstand zahlreicher Fantasien macht. Mit ihrer Ausstellung Schneckenprinzessin kreiert Lola Barrett eine Installation, die ihre eigenen Phantasmagorien zum Lebensraum Wasser hinter Glas festhält, und lässt die Besucher:innen in eine Welt zwischen kindlichem Pop-Einfluss und retrofuturistischem Delirium eintauchen. Ausgehend von der Vorstellung, unter den „Nacktkiemern“ zu leben, schafft sie ihre eigene Realität in einem grellbunten Kokon aus aufblasbaren und mit Molton überzogenen Skulpturen.

Der Titel der Ausstellung, Schneckenprinzessin, spiegelt auch das starke Verlangen wider, im Subtext eine Vorstellungswelt der weiblichen Kraft anklingen zu lassen. Eine offene Anspielung an die Figur Tsunade aus dem Manga Naruto von Masashi Kishimoto, die im Japanischen auch „Namekuji Hime“ genannt wird und eine Frau mit unvergleichlicher physischer Stärke verkörpert. Bei dem Titel handelt es sich um eine deutsche Übersetzung, die auch im französischen Argot-Ausdruck „schneck“, der sich auf das weibliche Geschlechtsorgan bezieht, eine Bedeutung findet. „Schneckenprinzessin“ wird somit zu einem stolz auf die Fahne geschriebenen Titel, der das Frausein als Stärke proklamiert.

Lola Barrett, geboren 1993 in Paris, lebt und arbeitet in Brüssel und Paris. Im Bereich der plastischen Arbeiten beschäftigt sich Lola Barrett mit Fragen der Lebenswelten von Lebewesen und damit, wie diese sich untereinander beeinflussende Beziehungen herstellen: zwischen dem Lebendigen und dem Nichtlebendigen ebenso wie zwischen dem Gebiet und seiner historischen Narrativität bis hin zu der Art, wie die Menschheit sich dieser bemächtigt. Ihre Werke bestehen aus lauter Elementen, die sich zu Szenen zusammensetzen, in denen sie die Geschichten verkörpert, die sie erzählt. Alles ist eine Frage der Kulisse, jedes der gefertigten Stücke gibt einen Teil der Erzählung preis und stellt gleichermaßen selbst ein vollwertiges plastisches Kunstwerk dar.

Die visuelle Identität des Vitrines 2023 wurde von Fanny Testas dem französisch-belgischen Kollektiv Bye Bye Binary anvertraut, das gleichzeitig ein pädagogisches Experiment, eine Gemeinschaft, ein Atelier für variable typo-graphische Kreation, ein Netzwerk und ein Bündnis ist. BBB erforscht die Schaffung von grafischen und typografischen Formen, die sich an die inklusive Schrift anpassen lassen.

Visual identity by Bye Bye Binary (Eugénie Bidaut, Roxanne Maillet and Léna Salabert-Triby)

Anlässlich der Vernissage der Ausstellung „Schneckenprinzessin“ von Lola Barrett fand eine Vorführung des Kurzfilms „La nacre des ruines“ statt, gefolgt von einer Performance. Der Kurzfilm stammt aus der gleichnamigen Gruppenausstellung, die auf Lola Barretts Projekt 2022 basiert, in der Brasserie Atlas in Brüssel gezeigt und von Fanny Testas kuratiert wurde. Das Filmwerk bildet den Prolog zu der in Les Vitrines inszenierten Welt. Die Filmmusik wurde von dem in Berlin lebenden Musiker und Produzenten Eric D. Clark komponiert. Sie wurde im Rahmen der Filmvorführung live gespielt und begleitete die Performance von Lola Barrett.

„La nacre des ruines“ wendet sich in der Zukunft an uns und erzählt von den Relikten unserer Gegenwart, die nach einem Anstieg und anschließenden Rückgang der Meere zurückbleiben werden. Diese futuristischen Szenarien verstricken uns in die Absurdität des Anthropozäns, des Kapitalozäns und des Chthuluzäns von Haraway und eröffnen eine Traumwelt, um der Angst Einhalt zu gebieten. Die Zukunft ist das Unbekannte, das Mysterium: Wo sind die Menschen und welche Formen hat ihnen die durch ihr eigenes Tun veränderte Natur verliehen? Mit einem gemeinsamen Blick auf unsere ferne Zukunft in 499 Jahren, nach zahlreichen Lebenszyklen und Generationen von Lebewesen, betrachten die Künstler*innen die möglichen Veränderungen des menschlichen Lebens, der Tier- und Pflanzenwelt. Vom einstigen Leben bleiben nur sanfte Luftbewegungen, Wellen und Echos der Erinnerung. In dieser Raumzeit sind es die Steine, die diesen Erinnerungen eine Stimme geben, und das Wasser und die Luft bilden das Gedächtnis unserer Geschichte. Die Zeiten haben sich geändert, in jenem Jahr 2522. Zeit an sich hingegen existiert nicht mehr, lediglich das Schwingen der Erinnerung besteht fort.

„La nacre des ruines“ von Lola Barrett und Fanny Testas
Gedreht in der Brasserie Atlas, Brüssel, im Juni 2022
Mit Lola Barrett, Max Ricat, Marilou Guyon, Adélie Moye und Félix Rochaix
Kostüme: Lola Barrett, Laura Nataf, Max Ricat, Marilou Guyon, Adélie Moye und Félix Rochaix
Kamera: Zoltan Molnar und Fanny Testas
Filmmusik: Eric D. Clark
Schnitt: Clarisse Decroyer
3D-Animation des Titels: Mathias Moreau
Licht: Florentin Crouzet-Nico
Gezeigte Werke von Abel Jallais, Pedro Riofrío und Lola Barrett
Besonderer Dank an Nicolas Jorio, Emile Barret und Sonia Saroya
Mit der Unterstützung der Fédération Wallonie-Bruxelles

Les Vitrines 2023 – Ausstellung „Doudou“ – Vava Dudu

Les Vitrines ist ein Ausstellungsraum für die französische Kunstszene, der vom Bureau des arts plastiques des Institut français d’Allemagne und des Institut français de Berlin initiiert wurde. Für diese neue Ausstellungsreihe mit dem Titel L’horizon des événements wurde die künstlerische Leitung der Kuratorin Fanny Testas und die visuelle Identität dem Kollektiv Bye Bye Binary (Eugénie Bidaut, Roxanne Maillet und Léna Salabert) anvertraut. Drei französische Künstlerinnen, Vava Dudu, Lola Barrett und Fanny Taillandier, wurden eingeladen, das ganze Jahr über drei Ausstellungen zu gestalten, die neue sciences-fiction Erzählungen und Vorstellungswelten heraufbeschwören und sich als Zeitkapseln oder Wurmlöcher ausgeben.

Die Ausstellung Doudou von Vava Dudu ist eine Zeitreise in ihre Privatsphäre und ein von Sanftheit erfüllter Horizont. Die ungewisse Zukunft veranlasst die Künstlerin, sich in die Sanftheit wie in eine Wolke, eine Cloud, Foto-Fantasien, oder in eine Traumrealität zu kuscheln. Sie versucht durch das Einkapseln einer zeitgenössischen Liebkosung mit ihren runden Worten und der Rundung der Watte der Aggression der Welt etwas entgegen zu setzten. Ihre Poesie verankert sich im Herzen eines Imaginären, der „Spiegel-Zeit“ ihrer Berliner Erinnerungen. Als Erbe eines kreativen Erlebens und ihrer Begegnungen webt sie ihre Werke und Worte, um die Sehnsucht nach dem Erleben von Schönheit zu stillen. Die Zukunft ist jetzt.

Vava Dudu wurde 1970 in Paris geboren, wo sie auch lebt und arbeitet. Von 2012 bis 2018 lebte sie in Berlin. Die Künstlerin bekennt sich zu ihrer Position als Außenseiterin in der zeitgenössischen Kunst, indem sie sagt, dass sie „die Extreme dem Gemäßigten vorzieht“. Ihr Beruf als Modedesignerin und Künstlerin steht neben ihrer Tätigkeit als Sängerin bei La Chatte, einer 2003 mit Stéphane Argillet und Nicolas Jorio gegründeten Band, mit der sie vier Alben veröffentlichte. Ihr künstlerisches Universum, in dem sich Texte und Zeichnungen fröhlich vermischen, wird so auf verschiedene Arten transportiert.

Die visuelle Identität des Vitrines 2023 wurde von Fanny Testas dem französisch-belgischen Kollektiv Bye Bye Binary anvertraut, das gleichzeitig ein pädagogisches Experiment, eine Gemeinschaft, ein Atelier für variable typo-graphische Kreation, ein Netzwerk und ein Bündnis ist. BBB erforscht die Schaffung von grafischen und typografischen Formen, die sich an die inklusive Schrift anpassen lassen.

Visuelle Darstellung des Zyklus Vitrines 2023 Credit: Bye Bye Binary, Eugénie Bidaut, Roxanne Maillet und Léna Salabert

Die Vernissage fand am 9. März um 19 Uhr statt, mit einem Konzert von La Chatte um 20 Uhr. Die Band wurde 2003 gegründet und besteht aus Vava Dudu als Sängerin, und den Musikern Stéphane Argillet mit Sitz in Berlin und Nicolas Jorio mit Sitz in Paris.

Es wäre gewagt, La Chatte in irgendeine Kategorie einzuordnen. Oder sogar dumm. Versuchen wir es: Neo Wave. Das heißt, eine Mischung aus synthetischen Rhythmen, Cold-Wave-Keyboards und theatralischen Melodien, die Vava Dudu (eine Mischung aus Grace Jones und Brigitte Fontaine) mit hysterischen, ekstatischen und metallischen Schreien in die Welt hinausträgt. Bisher drei Alben, darunter das letzte „Crash océan“, das in Berlin aufgenommen wurde (kein Wunder), das mit den Regeln und Codes bricht, ohne sich daran zu wagen, bestimmte Schemata unserer geliebten 80er Jahre zu verwerfen.

Auftrag in der Einrichtung CCA Berlin x Lou Ferrand

In diesem Jahr wurde die junge Kuratorin Lou Ferrand ausgewählt, um in das Kuratorenteam des CCA Center for Contemporary Art in Berlin aufgenommen zu werden, um die Ausstellung „Jota Mombaça“, eine brasilianische bildende Künstlerin und Aktivistin, zu konzipieren. Die junge Kuratorin wurde nach einer Ausschreibung, die über französische Berufsnetzwerke und das CCA verbreitet wurde, vom Gründer und Leiter der Institution Fabian Schöneich ausgewählt. Sie wurde eingeladen, sie bei der Suche, Organisation und Entwicklung von Vermittlungsaktionen für das Publikum zu unterstützen. Der Auftrag dauerte vier Monate, von September bis Dezember 2023.

Fotos: Ansichten der Ausstellung von Jota Mombaça „A certain death/the swamp“, Courtesy of CCA.

A CERTAIN DEATH/THE SWAMP ist die erste umfassende institutionelle Einzelausstellung von Jota Mombaça in Deutschland. Die Praxis der in Natal, Brasilien, geborenen Künstlerin, Autorin und Performerin entwickelt sich aus ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit der kolonialen Moderne. Dabei beschäftigt sie sich mit den apokalyptischen Brüchen, die diese hervorgebracht hat und die sie inmitten ihrer vorherrschenden Herrschaft weiterhin entfesselt. Die Ausstellung im CCA in Berlin hebt Mombaças kontinuierliche Forschung hervor, indem sie Arbeiten zeigt, die kürzlich für die Ausstellung geschaffen wurden. Der Schwerpunkt liegt auf einer raumgreifenden Installation und einer Videoarbeit. Außerdem werden Keramiken, Textilien und Zeichnungen ausgestellt. Die ausgestellten Werke vermitteln sinnliche Qualitäten, die sowohl von der Reise in einen Mangrovenwald am Amazonas als auch von der seltsamen Topografie Berlins geprägt sind, das wahrscheinlich vollständig auf ausgetrockneten Feuchtgebieten liegt. Aus diesen fragmentarischen materiellen Zeugnissen ergibt sich eine Reihe von diskursiven Fragen, die Mombaça durch eine progressive kollektive Reflexion klären will: Wie können lebensbejahende Praktiken, die sich um Prinzipien kosmologischer Interdependenz gebildet haben, aufrechterhalten oder wiedergewonnen werden? Von welchem Stück Land aus, über welchen Wasserlauf, kann die zerstörerische Gewalt unserer gebauten Umwelt überwunden werden? Wo können radikale Hoffnungen blühen, wenn wir das Ende unserer Welt, so wie wir sie kennen, erleben?

Als Mitglied des Kuratorenteams bereitete Lou Ferrand eine Podiumsdiskussion mit der Künstlerin Jota Mombaça vor, die im Februar 2024 stattfinden wird. Lou Ferrand organisierte außerdem einen Schreibworkshop für unter 31-Jährige im CCA. Das Thema war Poesie in der Stadt und war als eine Art Auftakt für das Programm „Displayed words“ gedacht, das im darauffolgenden Jahr von der CCA organisiert wurde.

Erfahren Sie mehr über Lou Ferrand.

Dieser Einsatz in einer Einrichtung wurde vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) unterstützt.