Liberty Adrien: Berlin Art Week 2020

Liberty Adrien, in Berlin und in Paris arbeitende Kuratorin, hat für uns ihre persönlichen Empfehlungen für die Berlin Art Week 2020 zusammengestellt:

Foto: Nils Müller

Es ist wieder Art Week in Berlin, und zwar in einem ganz besonderen Klima. Angesichts der in den letzten Monaten veröffentlichten Studien und Zeugnissen gibt es keinen Zweifel an der in der Kunstwelt fortbestehenden strukturellen geschlechtsspezifischen und ethnischen Diskriminierung. Als Besucher*innen haben wir eine soziale Verantwortung, der wir uns bewusst sein müssen. Unser Schweigen wie unsere kritische Positionierung gegenüber diesen Ungleichheiten in der Repräsentation haben Einfluss auf die kuratorischen Ansätze von Institutionen, Galerien etc. und die Art und Weise, wie sie damit umgehen. Wir müssen die Angebote, die unsere Bildung wie unser Weltverständnis prägen, infrage stellen und analysieren und für eine wirkliche kulturelle Gleichheit und Vielfalt einstehen.

Meine Veranstaltungsempfehlungen während der Berlin Art Week 2020 bestehen aus ausgewählten Einzel- und Gruppenausstellungen und Performances herausragender Künstler*innen. Ob aufstrebende oder bereits etablierte Stimmen der zeitgenössischen Kunst, jede Position ist ein wertvolles Zeugnis der Vielfalt an Ausdrucksformen und künstlerischen Sprachen, Geschichten und Einflüssen, die unsere Welt stark machen.

In Berlin-Mitte :

In der Julia Stoschek Collection präsentiert die Ausstellung Party on the CAPS der marokkanischen Künstlerin Meriem Bennani eine immersive Umgebung. Die Mehrkanal-Videoinstallation mit skulpturalen Elementen zeigt einen fiktionalen Dokumentarfilm in futuristischer Ästhetik und voller technologischer Imagination. Mit ihrer Satire der „Insel der Verdammten“, auf die im Zeitalter von Teleportation „illegale“ Migrant*innen ins Exil geschickt werden, thematisiert die Künstlerin die Entwicklung der Situation über mehrere Generationen hinweg. Die Betrachter*innen werden durch einen Avatar in Form eines grünen Krokodils durch das Zukunftsszenario geführt, das mit viel Humor die Zukunft unserer Migrationspolitiken und sozialen Konstruktionen hinterfragt. Meriem Bennani setzt sich in ihrem Werk mit Machtverhältnissen, den Begriffen von Geschlecht und Identität und der Komplexität von Zugehörigkeitsgefühlen auseinander.

Meriem Bennani, Party on the CAPS, 2018, Installationsansicht, JSC Berlin. Foto: Alwin Lay, Courtesy of the artist and C L E A R I N G, New York / Brussels.

Die im PalaisPopulaire gezeigte Videoarbeit Whose Utopia? der chinesischen Künstlerin Cao Fei wird am 11. September um 11 Uhr von einem Online-Gespräch der Künstlerin mit Britta Färber, Chefkuratorin der Sammlung Deutsche Bank, begleitet. Whose Utopia? wurde 2006 in einer Glühbirnenfabrik im Pearl River Delta in China produziert und reflektiert den stetig sich beschleunigenden Gesellschaftswandel. Über mehrere Monate hinweg tauschte sich Cao Fei mit jungen Arbeiter*innen aus und ermutigte sie in Workshops dazu auf, von Utopien zu träumen und ihre Ideen in Performances direkt in der Fabrikhalle umzusetzen. Das Werk der Künstlerin setzt an der wachsenden Kluft zwischen Traditionen und Glauben, zwischen individuellen Wünschen und dem Identitätsverlust der Arbeiterklasse im modernen China an, die in Zusammenhang mit der Kultur des Massenkonsums steht.

In der ifa-Galerie Berlin zeigt Time goes by Werke der deutschen Künstlerin Rebecca Horn und des peruanischen Künstlers Antonio Paucar im Dialog. Ihre Performances, Filme und somatischen Skulpturen sind durch eine Theatralik gekennzeichnet, die in die tiefen Gefühle von Sanftheit, Brutalität und Sinnlichkeit eintaucht. Voller Emotionen öffnen die sensiblen Gedichte der Künstler*innen einen Raum zwischen Privatem, Öffentlichem und Politischem, zwischen individuellen Erfahrungen und allgemeinen Ideen. Das Institut für Auslandsbeziehungen fördert den internationalen Kunst- und Kulturaustausch in Ausstellungs-, Dialog- und Konferenzprogrammen.

Kleiner Sound, großer Sound, Katharina Grosse et Stefan Schneider (Performance),
07.02.2018, Kunsthalle Düsseldorf, Foto: Schiko

Im Hamburger Bahnhof zeigen die Künstlerin Katharina Grosse und der Musiker Stefan Schneider am Sonntag, 13. September, gemeinsam die Performance Eine kleine Bewegung, die man macht, wenn man Gänsehaut hat. Mit analogen Synthesizern führen sie im Foyer des Museums inmitten der aktuell gezeigten monumentalen Arbeit von Katharina Grosse einen musikalischen Dialog. Für ihre Einzelausstellung It Wasn’t Us hat Grosse den Innen- wie Außenbereich mit ihrer einzigartigen malerischen Schrift – freie Formen in leuchtenden Farben – bearbeitet, die wir uns nicht endend ersehnen. Tickets für die Performances um 19h30, 20h15 oder 21h00 Uhr können online reserviert werden.

In Berlin-Kreuzberg:

In There’s No Such Thing as Solid Ground im Martin-Gropius-Bau untersucht die Künstlerin Otobong Nkanga soziale und topografische Veränderungen der Umwelt, Phänomene der Vertreibung, den Begriff des Territoriums und den Wert, der den natürlichen Ressourcen innerhalb von Kulturen beigemessen wird. Ihre Werke – Zeichnungen, Installationen, immersive Soundarbeiten, Performances, Skulpturen, Videos – beinhalten stets eine performative Dimension und evozieren Emotionen zu natürlichen Räumen, Gegenständen und Artefakten, die mit dem Gedächtnis von Völkern und vergangenen Ereignissen aufgeladen sind. Otobong Nkanga untersucht diese Spuren des Menschen, die er in der Welt hinterlässt, die Verbindungen zwischen wichtigen historischen Kontexten und gegenwärtigen Wirklichkeiten sowie die Folgen der exzessiven Ausbeutung von Mineralien auf die natürlichen Ressourcen.

Otobong Nkanga, Solid Maneuvers, 2015,Installationsansicht Crumbling Through Powdery Air, Portikus, 2015, Foto: Helena Schlichting, Courtesy: Portikus

Die Galerie ChertLüdde bietet mit Rods Bent Into Bows einen wertvollen Einblick in das Werk der amerikanischen Künstlerin Rosemary Mayer. Die bildende Künstlerin und Schriftstellerin war eine wichtige Figur der New Yorker Kunstszene in den 1970er-Jahren und eine der Mitbegründerinnen der legendären kooperativen Galerie A.I.R. für Künstlerinnen. Mit ihren Textilarbeiten erkundet sie sensibel und modern das Alltägliche und Intime und untersucht Fragen nach Zeitlichkeit, Geschichte und Biografie. Eine seltene Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen sollte!

In der Galerie Klemm’s widmet sich die französische Künstlerin Émilie Pitoiset mit MANIAC dem Widerstand des Körpers, seinen Bewegungen und Interaktionen. Inspiriert von den Tanzmarathons der Großen Depression von 1929 – wahre Publikumsmagneten – hebt die Künstlerin die physische Gewalt dieser Herausforderungen hervor. In der Hoffnung auf ein Preisgeld haben sich einige Paare unter den neugierigen Blicken des Publikums bis zur völligen Erschöpfung getanzt. Mit der Verknüpfung der großen Tragödien der 1980er-Jahre, die AIDS-Epidemie, den Kalten Krieg, Rassismus und die Exzesse des Kapitalismus, zeichnet Émilie Pitoiset ein Porträt, das die Übel unseres Jahrhunderts ankündigt. Ihre multimedialen Werke – Texte, Installationen, musikalische Performances und Videos – entlehnen die Ästhetik des Film Noir, der Populärkultur etc. betrachten unsere sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen aus einer kritischen Perspektive. Die Ausstellung wird von einer gleichnamigen sechsteiligen Videoserie begleitet, die vom Bureau des arts plastiques unterstützt wurde.

In Berlin-Neukölln:

Im Kindl Museum – Zentrum für zeitgenössische Kunst untersucht die südafrikanische Künstlerin Lerato Shadi mit Maru a Pula Is a Song of Happiness die Spuren von Geschichte, ihre Konservierung und Vermittlung. Die Künstlerin ist eine wichtige Stimme in der zeitgenössischen Kunst und stellt den von der Gesellschaft marginalisierten Körper als Hauptträger narrativer Erfahrung in das Zentrum ihres Werks. Ihre Arbeiten – lange, sich wiederholende und körperlich anstrengende Performances, Fotografien, Textilarbeiten, Videos usw. – widersetzen sich einer Politik der kulturellen Auslöschung und der strukturellen Ausgrenzung. Lerato Shadis zentrale Themen sind die Subjektivität historischer Erzählungen, die meist aus einer westlichen Perspektive erzählt werden, und das verbindende Moment des kollektiven Schweigens angesichts der Negierung historischer Gegebenheiten.

Im Kunstraum des Künstlerinnenduos Peles Empire erforscht die Gruppenausstellung Touch der Künstler*innen Nona Inescu, Jimmy Robert und Sung Tieu die Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und seiner Umwelt. Das Thema geht die rumänische Künstlerin Nona Inescu aus der Perspektive der Interaktion des Menschen mit natürlichen und prähistorischen Elementen an. Auf Basis ihrer theoretischen und literarischen Forschungen unternimmt sie eine Neudefinition des Untersuchungsgegenstandes aus posthumanistischer Sicht. Der französische Künstler Jimmy Robert beschäftigt sich mit der Konstruktion und Bedingtheit von Sprache und Identität durch Geschichte, Institutionen und Gesellschaft. Seine Werke hinterfragen die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen Bild und Sprache. Durch das Prisma der kulturellen Zugehörigkeit und des globalen Kapitalismus legt die vietnamesische Künstlerin Sung Tieu Vorstellungen von Verdrängung offen. Ihre Arbeit konzentriert sich auf die Interdependenz von Machtkonstruktionen, die unsere Welt und unsere Kulturen heutzutage konstituieren.

© Nona Inescu

Und wenn noch Zeit bleibt, hebe ich die Einzelausstellung Bonzo’s Dream der Künstlerin Vivian Suter im Brücke-Museum und das Videoprogramm Art in Dark Times mit Arbeiten der Künstlerinnen Jelena Jureša, Yael Bartana, Fatoş Irwen im bi’bak als weitere Höhepunkte dieser Berlin Art Week hervor. Viel Spaß bei den Besichtigungen!

 

 

Die Französin Liberty Adrien ist frei Kuratorin, Historikerin und Kunstkritikerin. Sie lebt und arbeitet in Berlin und Paris. 2015 gründete sie den Kunstraum Âme Nue in Hamburg, der sich der zeitgenössischen Kunstproduktion widmet. Für ihre Studie über die Geschichte der Werke von Künstlerinnen, die von 1791 bis heute für die nationale Kunstsammlung Frankreichs erworben wurden erhielt sie 2016 das kuratorische Forschungsstipendium des Cnap. Heute arbeitet sie weiter mit dem Cnap zusammen, um die Sichtbarkeit der Werke von Künstlerinnen aus den nationalen Kunstsammlungen Frankreichs zu fördern. Sie initiierte die Künstlerbuch- und Kunstverlagsmesse STAPLED (2018, 2019), ist Mitbegründerin der Künstlerateliers Âme Nue in Paris und der Online-Kunstbuchhandlung Liberty Matters Books (2020). Außerdem ist sie Online-Redakteurin für den Kunstbuchverlag Hatje Cantz und Kunstkritikerin für das Online-Magazin für zeitgenössische Kunst PASSE-AVANT, das sich der aufstrebenden Kunstszene widmet.